Stadt

Yannick Geller, Timo Leontaris, André Araujo Soares

Die sogenannte „Hochzeitsmeile“ im Duisburger Stadtteil Marxloh hat in den vergangenen Jahren über die Grenzen der Stadt hinaus, zunehmend ihren Bekanntheitsgrad gesteigert. In einem einjährigen Projekt versuchen wir die Entstehung und Entwicklung der Hochzeitsmeile zu erforschen.  Entlang verschiedener Dimensionen versuchen wir nachzuvollziehen, wie sich ein solches Wirtschafts-Cluster mitten in einem Stadtteil entwickeln konnte, der in der medialen Öffentlichkeit mit dem Stigma eines sozialen Brennpunkts zu kämpfen hat.

Hierzu werden zunächst explorative Interviews geführt bevor eine deskriptive Analyse mit Daten des Clusters durchgeführt wird.

Die Entstehung der Hochzeitsmeile in Duisburg-Marxloh

Der Duisburger Stadtteil Marxloh genießt eine überproportional hohe mediale Aufmerksamkeit in der deutschen Medienlandschaft. In den meisten Fällen fokussieren sich die Berichterstattungen auf ein negatives Stigma, welches zumeist die hohe Arbeitslosigkeits- und Kriminalitätsrate behandelt. Doch der Stadtteil im Duisburger Norden hat besonders aufgrund einer anderen Tatsache Menschen aus anderen Ländern in die Region gezogen. Denn wer für seine Hochzeit Kleidung einkaufen möchte, findet in Marxloh eine Vielzahl von verschiedenen Braut- und Abendmodengeschäfte. Diese erstrecken sich über die Weseler Straße, die Kaiser-Wilhelm-Straße und die Kaiser-Friedrich-Straße und sind als Duisburger Hochzeitsmeile bekannt.

Der Stadtteil Marxloh liegt im Duisburger Norden, etwa 10 km vom Stadtzentrum entfernt. Lange Zeit sorgten die montanindustriellen Betriebe sowie der florierende Einzelhandel des Stadtteils für einen regelrechten Boom vor Ort. Dieser hielt bis in die 1960er Jahre an, der Stadtteil erhielt im Volksmund die Bezeichnung „Klein-Amerika“ (vgl. Cöster 2016: 27 f.) und galt damals als Einkaufszentrum des Duisburger Nordens (vgl. Gorres, Sucato & Yildirim 2010: 243). Der Beginn der Stahlkrise in den 1970er Jahren stellte eine Zäsur für den Stadtteil dar. Waren im Jahr 1970 noch 66,5% der Beschäftigten im produzierenden Gewerbe tätig, sank ihr Anteil bis ins Jahr 1987 auf 24,7 % (ebd). Auch die Gesamtbevölkerung Marxlohs sank von 1961 (28.532) über 1970 (24.584 Einwohner) bis 1987 (21.244) deutlich (vgl. Stadt Duisburg 1987: 102 f.; Stadt Duisburg 1991: 41 f.). Bis ins Jahr 1999 sank die Einwohnerzahl schließlich auf 19.600 (vgl. N.U.R.E.C. 1999: 5). Dieser Strukturwandel und der damit einhergehende Verlust von Arbeitsplätzen und Kaufkraft führte zu einem zunehmenden Bedeutungsverlust Marxlohs als Einzelhandelsstandort (vgl. Gorres, Sucato & Yildirim 2010: 243).

Anfang der 1990er Jahre war das Bild der Weseler Straße von Leerstand geprägt, die lokale Ökonomie des Stadtteils war am Boden. Doch wie konnte sich die Hochzeitsmeile im Zentrum eines Stadtteils entwickeln, der Ende der 1990er Jahre noch von Leerstand und einem massiven Rückgang des Einzelhandels geprägt war? Im Rahmen unserer Arbeit haben wir untersucht, welche Voraussetzungen die Entstehung und Entwicklung des Clusters begünstigt haben.

Entwicklung des Wirtschaftsclusters

Zunächst wurde anhand theoretischer Kriterien nach Van der Linde (2005) überprüft, ob es sich bei der Hochzeitsmeile um ein Wirtschaftscluster handelt. Das erste Kriterium (1), eine Mindestanzahl von Firmen in enger geographischer Nähe, erfüllt die Hochzeitsmeile. Die 101 Betriebe liegen eng nebeneinander und sind alle fußläufig maximal 15 Minuten voneinander entfernt. Neben der geographischen Nähe ist es (2) erforderlich, dass die Firmen in verwandten Branchen tätig sind. Auch dies trifft im untersuchten Feld zu, da sich die unterschiedlichen Einzelhändler und Dienstleister auf das Hochzeitsgewerbe spezialisiert haben. Beim dritten Kriterium (3) sollen ähnliche oder sich ergänzende Endprodukte gefertigt werden. Dieses Kriterium harmoniert im vorliegenden Fall mit dem vorangegangenen, da die Outputs der Geschäfte sich im Wesentlichen an den Bedürfnissen von heiratswilligen Paaren und der Gestaltung ihrer Feierlichkeiten orientieren. Zuletzt (4) soll es gemeinsame Beziehungen zu verwandten oder nachgelagerten Branchen geben. Auch dies ist in Marxloh der Fall: Viele Brautmodengeschäfte haben präferierte Dienstleister, bei denen sie ihre Waren ändern lassen (bspw. Änderungsschneidereien in unmittelbarer Nachbarschaft), oder an die sie Kunden für den Erwerb ergänzender Produkte und Dienstleistungen verweisen. Zusammenfassend lässt sich festhalten: Die Duisburger Hochzeitsmeile erfüllt die zentralen Kriterien eines Wirtschaftsclusters.

Diagramm

Abbildung 1: Entwicklung des Marxloher Hochzeitsclusters

Ab welchem Zeitpunkt die Rede von einer „Hochzeitsmeile“ in Duisburg-Marxloh sein kann, ist dabei umstritten. Einige Interviewpartner waren sich sicher, dass bereits in der Mitte der 2000er-Jahre von einer „Hochzeitsmeile“ gesprochen wurde und seit den Jahren 2005 bzw. 2006 die Meile auf einem ähnlichen Niveau stagniert. Andere würden die Hochphase eher um das Jahr 2010 ansiedeln und auch erst ab dann den Begriff „Meile“ verwenden. Dieser Position nach hat das Hochzeitsgeschäft in Marxloh insbesondere durch verschiedene Projekte im Zuge der Kulturhauptstadt RUHR.2010 einen verstärkten Aufschwung erlebt. Ein Blick in verschiedene Erhebungen zur Hochzeitsmeile verrät in diesem Zusammenhang, dass die Anzahl der Geschäfte weiterhin ansteigt (siehe Abbildung 1). Demnach stagnierte die Anzahl in den vier vorliegenden Erhebungen zu keinem Zeitpunkt und konnte sich von 35 Clusterbetrieben im Jahr 2006 auf 48 Geschäfte im Jahr 2009 weiterentwickeln. In der Folgezeit gab es einen weiteren enormen Zuwachs, wodurch es im Jahr 2012 bereits 82 Geschäfte waren. Bei der letzten Erhebung im Jahr 2017 umfasste das Cluster schließlich insgesamt 101 Betriebe.

Leider liegen uns für die Jahre vor 2006 keine verlässlichen Zahlen vor, weswegen die Darstellung erst mit diesem Jahr beginnt. Besonders der starke Anstieg der Clusterbetriebe zwischen 2009 und 2012 erregte bei einer ersten Betrachtung der Daten unsere Aufmerksamkeit. Die starke Zunahme an Clusterbetrieben in diesem Zeitraum legt nahe, dass es während dieser Zeit Faktoren gegeben hat, die einen Ausbau des Clusters begünstigt haben.

Meilensteine in der Entwicklung

Noch bevor im Zentrum Marxlohs die Grundsteine für die Hochzeitsmeile gelegt waren, gründete sich im Jahre 1996 der Verein türkischstämmiger Geschäftsleute in Duisburg und Umgebung e. V., besser bekannt unter dem Kürzel TIAD. Der TIAD e. V. versteht sich als Netzwerk auf den Ebenen Wirtschaft, Politik und Bildung und ist bestrebt, den interessierten Mitgliedern unter diesen Aspekten einen gewinnbringenden Austausch zu ermöglichen. Aus diesem Grund ist der Verein auch für zahlreiche Unternehmer der Marxloher Hochzeitsmeile von Bedeutung und seit seiner Gründung in verschiedene Projekte eingebunden (beispielsweise als Projektträger in das BIWAQ-Projekt Lokale Ökonomie Marxloh).

Den Startpunkt für eine Wiederbelebung des ehemaligen Einkaufszentrums des Nordens gab der Umbau der Weseler Straße, der bis zum Jahr 1999 abgeschlossen wurde. Im Rahmen des von der Europäischen Union teilfinanzierten Förderprogramms URBAN wurden zur „Einleitung neuer wirtschaftlicher Tätigkeiten“ (N.U.R.E.C. 1999: 72) ein gewerbliches Fassadenprogramm aufgesetzt, dessen Schwerpunkt nach einer Bestandsaufnahme der gewerblichen Flächen in Marxloh auf der Beseitigung baulicher Defizite in den zentralen Einkaufsbereichen lag. Der Schwerpunkt konzentrierte sich auf die Weseler Straße und das Pollmann-Kreuz. Letzteres, das ein Bestandteil der Internationalen Bauausstellung Emscher Park war, wurde am 4. Und 5. September 1999 in erneuertem Zustand im Rahmen der IBA-Veranstaltung „Marxloh lädt ein zum internationalen Basar“ präsentiert. Diese Großveranstaltung wurde von der Entwicklungsgesellschaft Duisburg über ein Jahr lang vorbereitet und präsentierte das baulich aufgewertete Marxloher Zentrum. Eingeladen waren viele externe Gewerbetreibende, die vor Ort ihre Waren anbieten konnten. Mittels dieser zweitägigen Veranstaltung gelang es eine Aufbruchsstimmung im Stadtteil zu erzeugen. Ergänzt wurde diese Wiederbelebungsmaßnahme mit dem Bau einer Umgehungsstraße (Willy-Brandt-Ring), um die hohe Verkehrsbelastung der Weseler Straße zu reduzieren. Das Resultat war neben einer geringeren Verkehrsdichte die Schaffung von Parkmöglichkeiten für Anwohner und Besucher (vgl. N.U.R.E.C. 1999: 74 f.).

 

Jahr Meilenstein
1996 Gründung des TIAD e.V.
1999 Marxloh lädt ein zum Internationalen Basar
2008 Eröffnung der DITIB-Merkez-Moschee
2009 Heiraten alla Turca
2009 – 2012 Lokale Ökonomie Marxloh
2010 100 Bräute für Marxloh
2010 Gründung MEB e.V.

Tabelle 2: Meilensteine auf dem Weg zur Hochzeitsmeile

Ein weiterer Meilenstein war die Eröffnung der DITIB-Merkez-Moschee am 26. Oktober 2008 auf der Warbruckstraße in unmittelbarer Nähe zur Hochzeitsmeile. Mit Platz für 800 Personen im Gebetssaal und weiteren 400 Plätzen auf der Empore zählt das Gebäude zu den größten Moscheen in Europa (vgl. Herberhold 2011). Die Moschee hat keine direkten Bezugspunkte zur Hochzeitsmeile. Allerdings gilt das Gebäude als Anziehungspunkt für Gläubige, die zum Teil weite Wege auf sich nehmen. Bei einem Besuch der Moschee bietet es sich an, diesen mit Einkäufen in den naheliegenden Geschäften zu verbinden.

Zwischen 2009 und 2012 wurde das Projekt Lokale Ökonomie Marxloh (LÖM) mit dem Ziel durchgeführt, die Beschäftigungs- und Versorgungssituation vor Ort zu verbessern, Abwanderungen und Kaufkraftabflüsse zu stoppen, die Identifikation mit dem Stadtteil zu stärken und Eigeninitiativen der lokalen Akteure zu fördern (vgl. Idik 2015). Unter anderem unterstützte das Projekt die Aktionen Heiraten alla Turca, 100 Bräute für Marxloh sowie die Gründung des Marxloher Einzelhandelsbündnisses e. V. (MEB), die wir ebenfalls als Meilensteine identifizieren konnten (siehe Abbildung 2). Besonders die Aktion der 100 Bräute auf der A 40, die von lokalen Akteuren aus Duisburg-Marxloh (unter Mitarbeit des Medienbunkers, der Entwicklungsgesellschaft Duisburg und des TIAD e. V.) ins Leben gerufen wurde, sorgte für Aufsehen. Dabei präsentierten 100 Frauen, gekleidet in Brautmode und mit Made in Marxloh Schildern in der Hand, die Brautmodenkunst, die es in Marxloh zu erwerben gibt. Die 100 Kleider für die Aktion wurden dabei von den Geschäften rund um die Weseler Straße zur Verfügung gestellt. Inszeniert wurde die Aktion im Programm des Still-Leben Ruhrschnellweg, das im Zuge der RUHR.2010 stattfand.

Einordnung der Einflussfaktoren

Um den Prozess der Entwicklung des Wirtschaftsclusters darzustellen, haben wir uns für eine Einordnung der identifizierten Einflussfaktoren in Faktorenbündel nach Brenner & Mühlig (2007) entschieden. Deren theoretische Annahmen leiten sich aus einer Vielzahl empirischen Fallstudien ab und lassen sich gut auf die Entstehung des sehr jungen Marxloher Clusters übertragen. Zu identifizieren sind nach Brenner & Mühlig demnach: 1.) Voraussetzungen (‚Prerequisities‘), 2.) auslösende Ereignisse (‚Triggering-Events‘) und 3.) selbstverstärkende Prozesse (‚Self-Augmenting Processes‘).

Voraussetzungen waren neben den Gegebenheiten auf dem Arbeitsmarkt in Folge des tiefgreifenden Strukturwandels, dem enormen Leerstand der Ladenlokale und den damit verbundenen geringen Miet- bzw. Immobilienpreise auch die kulturelle Offenheit des Stadtteils im Hinblick auf den hohen Migrantenanteil in Duisburg-Marxloh. Daraus hervorgehende auslösende Ereignisse (‚Triggering-Events‘) waren verschiedene Aktionen der Stadt und ihren Institutionen, welche die vorherrschende Situation verbessern wollten, aber auch die Eigeninitiativen der Bürger*innen vor Ort, beispielsweise von Pionieren, die Juweliere oder Brautmodegeschäfte eröffneten. Mit Projekten der Entwicklungsgesellschaft-Duisburg, wie dem internationalen Basar zum IBA-Abschluss und den Fassadensanierungen, konnte insbesondere die Attraktivität des Pollmann-Kreuzes und der Weseler Straße gesteigert werden. Auch der offensichtliche Erfolg weiterer Pioniere im Bereich des Marxloher Hochzeitsgeschäft kann als auslösender Faktor gewertet werden. Denn durch die kontinuierlich wachsende Nachfrage auf der Käuferseite, wuchs das Interesse auf der Unternehmerseite ein Geschäft innerhalb dieser Branche auf der entstehenden Hochzeitsmeile zu eröffnen. Als selbstverstärkende Prozesse (‚Self-Augmenting Processes‘) stellten sich in Folge dessen vor allem verschiedene Projekte, besonders solche, die im Zuge von LÖM zwischen 2009 und 2012 durchgeführt wurden, heraus. Diese entstanden nachdem sich das Cluster bereits über einige Jahre hinweg erfolgreich entwickeln konnte.

 

Standortvorteile

Über die genannten Einflussfaktoren hinaus profitiert die Hochzeitsmeile auch von Standortfaktoren: Die vorhandene Infrastruktur und die Nähe zu vielen Großstädten bzw. Nachbarländern ermöglichen es erst eine große Kundschaft auf die Hochzeitsmeile in Duisburg-Marxloh zu locken. Zur guten Infrastruktur gehören u. a. das umfangreiche Autobahnnetz und die damit verbundenen Anbindungen, die direkt über die Hochzeitsmeile verlaufenden Straßenbahnlinien und die häufig kostenlosen Parkmöglichkeiten im Zentrum des Stadtteils. So kommt es, dass nicht nur Menschen aus dem Ruhrgebiet, sondern auch aus anderen Bundesländern sowie dem nahen Ausland nach Marxloh fahren, um Hochzeitseinkäufe zu tätigen.

Literaturangaben

Brenner, T. & A. Mühlig (2007): Factors and Mechanisms Causing the Emergence of Local Industrial Clusters – A Meta-Study of 159 Cases. Papers on Economics & Evolution #0723. Jena: Max Planck Institute of Economics.

Cöster, A. C. (2016): Frauen in Duisburg-Marxloh: eine ethnographische Studie über die Bewohnerinnen eines deutschen „Problemviertels“. Bielefeld: transcript.

Gorres, A., E. Sucato & A, Yildirim (2010): Hochzeitskultur als Motor der Stadtteilökonomie in Duisburg-Marxloh. Informationen zur Raumentwicklung Heft 2/3.2010: 243 – 251.

Herberhold, G. (2011): Park-Wildwest rund um die Moschee. Online unter: https://www.waz.de/staedte/duisburg/nord/park-wildwest-rund-um-die-moscheeid6069377.html (Zugegriffen: 17.02.2018)

N.U.R.E.C. -Institute Duisburg e.V. (1999): Sozio-ökonomischer Strukturwandel und Lebensbedingungen in Duisburg-Marxloh. Stadtteilentwicklung und Umsetzung des Operationellen Programms URBAN.

Stadt Duisburg: Amt für Statistik, Stadtforschung und Europaangelegenheiten (1991): Regionale Daten Duisburger Ortsteile 1970 – 1989.

Van der Linde, C. (2003): The Demography of Clusters – Findings from the Cluster MetaStudy. S. 130 – 149, in: Bröcker, J., D. Dohse & R. Soltwedel (Editors), Innovation Clusters and Interregional Competition. Berlin, Heidelberg, New York: Springer.